Um die Kinder auf das Lernen in ihrem weiteren Lebensweg vorzubereiten, konzentriert sich die Erziehung im Waldorfkindergarten auf sieben Basiskompetenzen. Sie möchte damit nicht einzelne Bildungsziele der Schule in den Kindergarten vorverlegen, sondern mit den spezifischen Möglichkeiten des Kindergartens auf altersgerechte Weise eine valide Basis für die weitere Ausbildung des Kindes schaffen.

Körper- und Bewegungskompetenz

Bei mehr als der Hälfte der Erstklässler werden Haltungsschäden, Übergewicht oder Gleichgewichtsstörungen festgestellt. Grob- und Feinmotorik sind oft unzureichend entwickelt. Neben den offensichtlichen gesundheitlichen Folgen, die diese Einschränkungen der körperlichen Beweglichkeit mit sich bringen, wird das Kind auch in seiner seelischen Entwicklung geschädigt, da äußere und innere Beweglichkeit miteinander korrespondieren. Zudem schränkt der Bewegungsmangel den Erfahrungshorizont des Kindes ein, das sich durch aktive und vielseitige Bewegung auf differenzierte Denktätigkeiten vorbereitet.

Im Waldorfkindergarten wird daher besonders auf vielseitige Bewegung geachtet, aus der sich ein gesundes Körpergefühl entwickeln kann. Die Kinder gehen in den Sommermonaten regelmäßig in den Wald. Fest in den Tagesablauf integriert ist das Freispiel im Garten, wo die Kinder sich bei (fast) jedem Wetter in entsprechender Kleidung im Klettern, Laufen oder Seilspringen üben können. Das Spiel im Gruppenraum beinhaltet nicht nur ruhige Beschäftigung am Tisch; da wird gebaut und geräumt, um die äußeren Gegebenheiten der aktuellen Spielsituation anzupassen. Der tägliche Reigen übt mit den Kindern die Koordination komplexer Bewegungsabläufe, und die Feinmotorik wird durch Fingerspiele, die Arbeit an der Werkbank, die Mithilfe bei der Essenszubereitung, Handarbeiten wie Sticken oder Stricken und durch das Spielen einfacher Musikinstrumente trainiert.

 

Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz

Mit Fernsehen und Computer haben sich virtuelle Welten einen festen Platz in unserem Alltag erobert. Bei allen Vorteilen, die uns diese Medien in der modernen Kommunikation bieten, stellt sich dennoch zunehmend die Frage, wie man Kinder auf den Umgang mit dieser Medienwelt vorbereiten kann. Um Sicherheit in der Unterscheidung zwischen Realität und Trugbild zu gewinnen, brauchen Kinder heute eine erhöhte Wahrnehmungskompetenz. Durch authentische, unverfälschte Eindrücke entwickeln sie Vertrauen in die eigene Wahrnehmungskraft. Auch die später erforderliche Medienkompetenz erfährt hier eine pädagogische Grundlegung. Medienkompetenz bedeutet nach dem amerikanischen Computerexperten Joseph Weizenbaum die Fähigkeit, kritisch zu denken. „Kritisch zu denken lernt man allein durch kritisch verarbeitendes Lesen, und Voraussetzung hierfür ist eine hohe Sprachkompetenz.“ Die Erforschung der realen Welt und die Pflege der Sinne steht im Waldorfkindergarten daher im Vordergrund. Er stellt den Kindern eine möglichst authentische Umgebung zur Verfügung, die sie mit allen Sinnen erforschen können. Das Arbeiten, Basteln und Spielen mit Naturmaterialien, die Mithilfe beim Kochen mit naturnah produzierten Lebensmittel, das Backen von Brot und das Verarbeiten von Wolle erschließen den forschenden Kindern einfache, wahrnehmbare Zusammenhänge. Mit der Zeit entdecken sie durch ihre eigene Entdeckerfreude elementare Naturgesetze. Musik ertönt nicht vom Band, sondern wird mit einfachen Instrumenten selbst erzeugt, Märchen und Geschichten von den Erzieherinnen erzählt oder mit Marionetten nachgespielt. Zusammenhänge und Hintergründe bleiben so für die Kinder immer erfahr- und durchschaubar. Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Geruchssinn, Gehörsinn, Sehsinn werden im Kindergarten vielfältig angesprochen.

 

Sprachkompetenz

Denken und Sprechen sind eng miteinander verbunden. Nur mit der Sprache können wir das Gedachte ausdrücken, unsere Gefühle formulieren, allen Dingen in der Welt einen Namen geben und miteinander ins Gespräch kommen. Doch dieses Instrument bedarf der frühen, aktiven und sorgfältigen Pflege. Kinder lernen sprechen nur in einer sprechenden Umgebung. Dabei kommt es in erster Linie auf das menschliche Beziehungsverhältnis zwischen Sprechendem und Hörendem an. Das sprachliche und seelisch warme Verhältnis zwischen Kind und Erwachsenem bildet den Nährboden für eine gute und differenzierte Sprechweise.

Im Waldorfkindergarten bemühen sich die Erzieherinnen daher um eine liebevolle, klare, deutliche und bildhafte Sprechweise, die der Altersstufe angemessen ist. Lieder, Geschichten, Verse und Fingerspiele haben ihren festen Platz im Kindergartenalltag. Den Kindern wird Zeit gegeben, sich auszusprechen, ohne dass ihnen durch ständiges Unterbrechen und Korrigieren die Lust an Sprache und am eigenen Formulieren genommen wird. Spätere Lesefreude und Lesefähigkeit erfahren hier ihre Grundlage.

 

Fantasie- und Kreativitätskompetenz

Kinder wachsen heute in einer immer stärker normierten und festgelegten Umgebung auf. Fantasie und schöpferische Kreativität sind aber Voraussetzung für menschliche und gesellschaftliche Entwicklung. Im späteren Arbeitsalltag werden Ideenreichtum, seelisch-geistige Beweglichkeit und Fantasie in der eigenen Lebensgestaltung vorausgesetzt, die im Kindergartenalter ihre Grundlegung erfahren müssen. Alles Fantasievolle, alles Künstlerische weitet die Seele und das Bewusstsein des Menschen. Die Spielmaterialien des Waldorfkindergartens lassen den Kindern Raum, ihre eigene Kreativität zu entfalten. Sie geben kein konkretes Spiel vor. So kann ein Spieltuch je nach Situation ein Umhang, ein Piratenkopftuch, eine Tür, ein See, eine Klingel, eine Wiege, ein Winteranzug für die Puppe sein. Erzählte Geschichten geben den Kindern Anregungen für neue Spiele. Das Malen mit Aquarellfarben, das Kneten mit Bienenwachs und das Bauen im Sand erschließen den Kindern weitere kreative Gestaltungsformen, ohne das sie durch die Erzieherinnen durch Kritik oder wohlgemeinte Verbesserungsvorschläge verunsichert oder ausgebremst werden.

 

Sozialkompetenz

Sozialkompetenz ist die Grundvoraussetzung für das menschliche Zusammenleben. Kinder sind von Geburt an soziale Wesen, die im Umgang mit ihren Mitmenschen am liebevollen Vorbild ihre Sozialkompetenz weiterentwickeln. nach der Familie hat besonders der Kindergarten die Aufgabe, den Kindern eine Umgebung zu schaffen, in der sie die Regeln eines sozialen Miteinanders lernen können. Viele Familien können diese Aufgabe jedoch nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Kinder wachsen immer öfter in Ein-Kind-Familien auf, manchmal nur mit einem Elternteil. Die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt fordern von den Eltern ein hohes Maß an Flexibilität, das oft zu Lasten eines geregelten Tagesablaufs mit gemeinsamen Mahlzeiten, Unternehmungen, Rechten und Pflichten geht. Der Waldorfkindergarten übernimmt einen Teil dieser Aufgaben, die früher von den einzelnen Familien geleistet wurden. Die Kinder nehmen sich als Teil einer Gemeinschaft wahr. Die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen. Gleichmäßige Tages- und Wochenabläufe schaffen den Kindern einen sicheren Rahmen, innerhalb dessen sie lernen, kleinere Aufgaben zu übernehmen und die eigenen Interessen mit denen der Gemeinschaft in Einklang zu bringen. In vielfältigen Rollenspielen wie Vater-Mutter-Kind, Feuerwehr, Krankenhaus etc. fühlen sie sich in die Rolle anderer ein. Im Engagement der Eltern, zum Beispiel bei der Vorbereitung von Festen oder beim Reparieren von Spielzeug, finden sie die Vorbilder für das eigene Sozialverhalten.

 

Motivations- und Konzentrationskompetenz

Bei Kindern und Jugendlichen werden immer häufiger Konzentrationsmangel, Hyperaktivität, und Nervosität diagnostiziert. In Wissenschaft und Pädagogik werden seit langem die verursachenden Faktoren untersucht und nach gesundenden und stabilisierenden Faktoren geforscht. Die Waldorfpädagogik versucht von zwei Seiten aus die Kinder in ihrer Motivations- und Konzentrationskompetenz zu stärken: Nachweislich schädigende Einflüsse wie zu früher Fernseh- und Computerkonsum werden von den Kindern ferngehalten oder zumindest weitgehend eingeschränkt Andererseits richtet sie den Schwerpunkt auf die gesundenden Faktoren. Sie schaut beispielsweise auf das Lern- und Betätigungsbedürfnis im frühen Kindesalter und versucht, es über Vorbild und Nachahmung anzuregen. So werden Arbeiten im Beisein der Kinder planvoll und ganzheitlich von Anfang bis Ende ausgeführt. Die Kinder lernen im Freispiel, ihre Spiele selbst zu gestalten und auch hier planvoll vorzugehen. Das Spielzeug selbst regt die Kinder zur Eigenaktivität an. Regelmäßige Wiederholungen und rhythmisierende Gestaltungselemente vom Tagesablauf bis hin zum Jahresablauf mit seinen vielen Höhepunkten und Jahresfesten helfen, die Konzentrationsfähigkeit der Kinder zu entwickeln.

 

ethisch-moralische Wertekompetenz

Kinder wie Erwachsene brauchen zur eigenen Lebensgestaltung seelisch-geistige Orientierungen, Wertvorstellungen und Aufgaben, mit denen sie sich innerlich verbinden können. Kinder brauchen Regeln, Rituale, Klarheit und Wahrhaftigkeit. Sie wollen Erwachsene erleben, die ihnen durch ihr Vorbild moralische Orientierung geben. Die Waldorfkindergarten nimmt die moralisch-ethische Erziehung ganz bewusst in ihr Konzept auf. Sie geht darauf ein, dass die Kinder ein Koordinatensystem für das Gute, Schöne, Wahre brauchen ebenso wie die Achtung vor anderen Menschen, anderen Kulturen und der Schöpfung. Und sie sollen lernen, dass damit persönliches Engagement verbunden ist. Diese Orientierung wird den Kindern durch wegweisende Geschichten, das Feiern der christlichen Jahresfeste und praktizierte Nächstenliebe gegeben. Durch einen Tischspruch vor und nach dem Essen wird Dankbarkeit und Respekt vor der Schöpfung vermittelt. Durch das Engagement von Eltern und Erzieherinnen in Vereinen, Politik und Kindergärten (Waldorfkindergärten gehen immer auf Elterninitiativen zurück) erleben die Kinder, was es bedeutet, sich für eine Sache einzusetzen.